Interview

Hat Deutschland digital noch eine Chance?

Digitalisierung Deutschland neue Studiengänge

Deutschland kann digital durchaus rasch Boden gut machen

Prof. Dr. Christian Gruninger-Hermann im career21-Interview zu den zwei neuen dualen Studiengängen BWL-Digital Business Management und Wirtschaftsinformatik-Data Science an der DHBW in Lörrach.

Derzeit hat man den Eindruck, fallen die Begriffe „digital“ und „Bundesrepublik Deutschland“ in einem Zusammenhang, so ist der Katzenjammer sofort riesengroß. Die führende Industrienation in Europa verkommt zu einem hinterwäldlerischen Haufen mit altmodischen Rechenschiebern, so oder so ähnlich klingt es in Tagespresse und Fachmedien zu Beginn des Jahres 2020.

Hat Deutschland die digitale Revolution verschlafen? Sind wir beim Thema Künstliche Intelligenz tatsächlich hinter Aserbaidschan und Burkina Faso zurückgefallen? Müssen wir uns alle daran gewöhnen, unsere technologischen Gürtel zukünftig viel enger schnallen zu müssen?

Wir haben zu diesen Themen Prof. Dr. Christian Gruninger-Hermann von der DHBW in Lörrach zum Interview getroffen. An der Dualen Hochschule in Lörrach werden zum Wintersemester 2020 die Bachelor-Studiengänge „BWL-Digital Business Management“ und „Wirtschaftsinformatik–Data Science“ neu eingeführt. Gruninger-Hermann ist Studien­gangsleiter Digital Business Management, sein Kollege Prof. Dr. Klemens Schnattinger leitet die Studienrichtung Data Science.

Prof. Dr. Gruninger-Hermann, was bieten die beiden neuen Studiengänge, was wir in den Hunderten bereits in Deutschland existierenden noch nicht haben?
Die Inhalte der beiden neuen Studiengänge sind konsequent auf die Anforderungen, die mit der Digitalisierung einhergehen, ausgerichtet. Das Besondere und derzeit Einzigartige ist die Verknüpfung von Digital Business Management und Data Science. Bereits ab dem 1. Semester werden in mehr als zehn ausgewählten Veranstaltungen Studierende der beiden Studiengänge interdisziplinär in Projekten zusammenarbeiten und Leistungen erbringen.
Damit soll das Verständnis für die Sicht des jeweiligen Kommilitonen, die betriebswirtschaft­lich-kaufmännische und die der Datenanalyse und IT, gefördert und beide möglichst gut miteinander verbunden werden. Das gibt es meines Wissens in dieser Konsequenz bislang deutschlandweit noch nicht.

Viele Fachleute sind der Meinung, Daten seien der Rohstoff der Zukunft. Deshalb würden Datenkraken wie Facebook, Google, Amazon oder Apple bald zu entscheidenden Playern in der Weltwirtschaft. Wieso ist das so? Was bringt mir Big Data als Unternehmen?
Daten geben ein vollständigeres Abbild der realen wirtschaftlichen Vorgänge von Produktion, Distribution und Konsumtion. Egal an welchen wertschöpfenden Prozessen Unternehmen beteiligt sind, können sie in Kenntnis bzw. in guter Prognose der Verhaltensweisen der anderen Marktteilnehmer ihre Prozesse effizienter gestalten und ihr Wertversprechen genauer an den jeweiligen Geschäfts- oder Privatkunden anpassen. Den oben genannten Unternehmen ist dies an verschiedenen Stellen ihrer Leistungserstellung gelungen. Doch für jedes Unternehmen stellt sich dieselbe Frage, wie mit Hilfe von Big Data Wettbewerbsvorteile durch Prozess- und/oder Produktinnovationen erzielt werden können.

Liest man derzeit die Zeitungen, so findet man vieler Orten wortstarke Abgesänge auf die Technologie- und Innovationsfähigkeit der deutschen Wirtschaft. Teilen Sie diesen Pessimismus?
Deutschland hat viel Aufholpotenzial
Was die Infrastruktur angeht, so können wir in Deutschland noch aufholen. Bei dem Ausbau der Datennetze sind wir im Mittelfeld was die Geschwindigkeit und Abdeckung der Haushalte angeht. Die Bundesregierung konnte die für Ende 2014 und Ende 2018 gesetzten Ziele der Abdeckung mit Breitbandanschlüssen der Haushalte nicht einhalten. Gegenüber dem Ziel einer hundertprozentigen Abdeckung war Ende 2018 für 87,8 Prozent der Haushalte ein Anschluss von mindestens 50 Megabit in der Sekunde verfügbar. Es kommt jetzt darauf an, ob das Ziel, einer vollkommenen Abdeckung mit Gigabit-Netzen bis Ende 2025 erreicht wird und wie schnell der Ausbau der 5G-Netze vorangeht.

USA und China sind vorne
In zahlreichen Studien ist zu lesen, wie sehr der deutsche Mittelstand, das starke Rückgrat der deutschen Wirtschaft, in der Digitalisierung hinterherhinkt. Deutsche Großunternehmen, die den amerikanischen oder chinesischen Unternehmen in dieser Beziehung Paroli bieten können, gibt es nicht, auch nicht auf europäischer Ebene. Auch in der Forschung laufen diese Unternehmen den deutschen den Rang ab, denn die Entwicklung von KI basiert auf großen Datenmengen und Rechenleistung, über welche deutsche Unternehmen nicht in vergleichbarer Größe verfügen.

Zu wenig Venture Capital in Deutschland
Zudem ist der deutsche Markt für Venture Capital im internationalen Vergleich sehr schwach, so dass es relativ wenig VC-finanzierte Unternehmen gibt, die sich mit dem Wagniskapital in neue Marktfelder begeben.
Es ist daher tatsächlich in meinen Augen etwas Skepsis geboten, nicht nur, weil es am Willen zu Innovationen fehlen mag, sondern auch weil die deutschen Unternehmen aus der dritten Reihe heraus starten.

Was muss konkret geschehen, damit sich die Dinge zum Besseren wenden?
Neben den Investitionen auf staatlicher Ebene in die Infrastruktur und Grundlagenforschung, ist es die Aufgabe der Unternehmen in Forschung und Entwicklung zu investieren und mutig Neues auszuprobieren. Insbesondere sind die digitalen Kompetenzen der Mitarbeiter zu entwickeln. Diese sollten auf allen hierarchischen Ebenen fester Bestandteil sein. Duale Studierende, die digitale Kompetenzen in die Unternehmen einbringen, sind ein Baustein hierbei.

Digitalisierung KI DHBW Lörrach

Sie arbeiten seit Jahrzehnten in den Bereichen Digital Business Management und Data Science. Sind uns junge US-Amerikaner, Inder, Ungarn oder Engländer denn tatsächlich überall so meilenweit voraus?
Nehmen wir beispielsweise einmal die Technologie „Künstliche Intelligenz“. Auf der Basis der jährlichen Patentanträge sind uns China und Amerika in dieser Technologie meilenweit voraus. Eine Studie der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC unter 500 deutschen Unternehmen aus dem Februar 2019 belegt, dass nur sechs Prozent der befragten Unter­nehmen KI-Technologien nutzen oder implementieren und lediglich weitere 17 Prozent planen den Einsatz von KI. Grund für diesen zögerlichen Einsatz von KI-Technologien ist ein auf Führungsebene fehlendes Verständnis davon, was KI ist und welche Möglichkeiten sie ihrem Unternehmen bietet. Hier gibt es noch viel zu tun. Ein wichtiger Schritt ist, wie gerade bemerkt, in die Ausbildung der Mitarbeiter zu investieren.

Wo liegen ureigene deutsche Stärken. Was müssen die beiden neuen Studienangebote leisten?
Die deutschen Ingenieursleistungen, aber auch Leistungen in der Pharmaindustrie- und chemischen Industrie sind weltweit bekannt und genießen hohe Anerkennung. Auch deutsche Handelsunternehmen haben Geschäftsmodelle erfolgreich in anderen Ländern etabliert. Die beiden neuen Studienangebote können zum einen Jugendliche in der Denkweise schulen, digitale oder digitalisierte Geschäftsmodelle zu entwerfen bzw. aus der Datenanalyse bestehende Prozesse und Geschäftsmodelle zu verbessern bzw. neu zu designen.

Wieso sind Faktoren wie Datenmanagement, Datenauswertung und konkrete Datennutzung überhaupt zu so wesentlichen Wirtschaftsfaktoren geworden?
Unternehmen aller Branchen und Größen, gewinnorientiert oder non-profit, öffentliche Einrichtungen und Institutionen befinden sich in digitalen Transformationsprozessen. Sie nutzen Daten, um ihre Geschäftsmodelle, Produkte, Dienstleistungen oder Prozesse zukunftsfähig zu halten. In dieser digitalisierten (Wirtschafts-)Welt sind Kenntnisse des Datenmanagements und der Datenauswertung unerlässlich und Ideen der Datennutzung Teil einer erfolgreichen Wettbewerbsstrategie.
Was nun fehlt, sind Spezialisten, die sich mit dem Rohstoff „Daten“ und Digitalisierung auskennen, aber auch die strategischen oder betriebswirtschaftlichen Anforderungen verstehen und umsetzen können. Deshalb ist die Nachfrage nach Digital Business Managern und Data Scientist über alle Branchen hinweg groß.

Welche Qualitäten müssen Studierende mitbringen, die sich für einen der beiden neuen Studiengänge an der DHBW in Lörrach interessieren?
Wichtig zu wissen ist, dass es auch für Data Science keiner Programmierkenntnisse bedarf – natürlich ebenso wenig für Digital Business Management. Wie in allen betriebswirtschaft­lichen Studiengängen sollte jedoch Interesse am Erkennen sozialer Zusammenhänge, dem Wirtschaften, an abstraktem bzw. modellhaftem Denken sowie an (statistischen) Methoden der Datenauswertung vorhanden sein, um das Studium mit Freude bewältigen zu können.

Sind die neuen Studienangebote an der südlichsten Hochschule der Republik deutschlandweit einzigartig?
Die Studiengänge „BWL-Digital Business Management“ und „Wirtschaftsinformatik-Data Science“ können im dualen Studium an mehreren Standorten der DHBW belegt werden. In Data Science kann zwischen den Wahlfächern „Künstliche Intelligenz/Software Engineering“ und „Digitale Transformation/Geschäftsprozesse“ gewählt werden. Neu am Studium einer der beiden Studienangebote an der DHBW Lörrach ist die enge Verzahnung dieser beiden Angebote und das unbedingte Ziel, den Studierenden durch zahlreiche Projekte Handlungs­kompetenz mit auf den Weg zu geben. Jedem Studierenden wird die Möglichkeit gegeben, „hands on“ z. B. Anwendungen des Textverstehens wie Sentimentanalysen zu erarbeiten.

Was sind potentielle Betätigungsfelder für ihre kommenden Absolventinnen und Absolventen?
Absolventinnen und Absolventen stehen dank der erworbenen Schnittstellenqualifikationen grundsätzlich ein breites Spektrum an Einsatzfeldern offen. Sie sind nicht an bestimmte Branchen oder Funktionsbereiche gebunden. Oft finden sie jedoch einen Einstieg in eine betriebswirtschaftliche Fachfunktion, in der Projekte zum digitalen Wandel zu bearbeiten sind.
Den Absolventen des Data Science-Studiengangs stehen Berufsfelder vom Consultant Digital Transformation, über den Digital Products Engineer, den Data Analyst bis hin zum IoT Data Engineer und Machine Learning and NLP Specialist offen.

Gibt es in diesen Forschungsbereichen eigentlich genügend weibliche Studierende oder ist der deutlich höhere Männeranteil von früher auch heute noch Realität?
Bislang ist der Anteil an männlichen Studierenden vor allem in der allgemeinen Wirtschafts­informatik höher. Allerdings sind wir überzeugt, dass sich dies im Studienangebot Data Science nivellieren wird.

Was muss geschehen, damit Deutschland und die deutsche Wirtschaft schnell wieder zur Weltspitze aufschließen können?
Die U.S.A haben mit den dort ansässigen Internetdiensten in der westlichen Welt die Führung übernommen. Ich sehe derzeit keine Möglichkeit, dass Deutschland oder ein einzelnes deutsches Unternehmen hier aufholt, auch wenn sich z. B. zalando sehr tapfer schlägt und im Bereich KI ebenso wie Otto versucht aufzuschließen.

Es galt immer als eine zentrale deutsche Stärke, in Wirtschaft und Industrie anpassungsfähig zu sein. Warum hat man hier einen solchen Megatrend offenbar über lange Zeit verschlafen?
Ich habe dafür keine Erklärung.

Werfen Sie doch bitte mal für uns einen Blick in die Zukunft. Wie wird sich die Realität – sagen wir 2035, also in fünfzehn Jahren – im Bereich Digital Business Management darstellen.
Meine Prognose ist, dass in fünfzehn Jahren nahezu alle deutschen Unternehmen auf allen Führungsebenen digitale Kompetenzen entwickelt haben werden. Digital Business Manager und Data Scientists werden sich in vielen Unternehmen etabliert haben und gehören zum festen Bestandteil der Organisation von Unternehmen, Institutionen und öffentlichen Einrichtungen. In der Hochschullandschaft werden sich die Studiengänge BWL-Digital Business Management und Wirtschaftsinformatik – Data Science für die Generierung des IT- und kaufmännischen Nachwuchses etabliert haben.

Herr Prof. Dr. Gruninger-Hermann, wir danken für Ihre Zeit und für dieses Interview. Wir wünschen Ihnen und Ihrem Kollegen Prof. Dr. Klemens Schnattinger sehr viel Erfolg mit den beiden neuen Studiengängen an der DHBW in Lörrach.

Campus DHBW Lörrach

Das Interview wurde mit unserem Redakteur Christian Hess geführt.

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